Harald Möhring

 

Materie im Prozess

 

Herbert Schmidts neue Materialbilder

 

„Das sieht ja nach Industrie-Archäologie aus“, mag mancher Betrachter bei manchem Detail in Herbert Schmidts neuen Bildern denken. Abgenutzte Metallteile, aber auch Reste hölzerner Gerätschaften scheinen aus Schichten verschieden getönter Ablagerungen hervor, unkenntlich bezüglich ihrer Herkunft oder ihres ehemaligen Zwecks. Spröde, nicht ohne Weiteres sich mitteilende Materialland­schaften, nicht selten von schweren, erdgebundenen Farben bestimmt, in die nur hier und da einmal Klänge beweglicherer Farbwelten durchbrechen, breiten ein festes, von keinem Rahmen eingegrenztes Tableau in sich gesicherter Statik aus. Doch auch nicht nur Statik. Denn das Gesicherte in der Erscheinung ist Ergebnis einer spürbar vorhandenen Kraft, die, zumeist verhalten, die Elemente dieses gewichtigen Stroms auch einmal entschieden zu beschleunigen, in Dynamik zu versetzen vermag.

„Für manchen mag so ein Bild vielleicht nicht ganz leicht zugänglich sein. Aber ich muss nicht Wohnzimmerbilder machen; ich muss etwas machen, wo ich merke, da hab ich eine Spur, die aus meinem Inneren kommt und stimmig ist. Wenn es richtig gut gemacht ist, dann gibt‘s auch irgendwann Leute, die merken, dass es gut ist.“

Und gut ist etwas an diesen Bildern mit ihrer Unverrückbarkeit, man mag sie mögen oder nicht, aber sie sind richtig, so, wie sie sind. Sie haben ihre eigene Autorität. Und wer beginnt sie zu betrachten, der beginnt auch irgendwann, die Präsenz einer eigenen Sprache zu realisieren. Die Sprache allerdings mag etwas Fremdes haben. Auch ihrem Autor ist sie möglicherweise noch nicht völlig geläufig, er sprach sie noch vor Kurzem mit ganz anderem Akzent. Da gab es in früheren Arbeitsphasen auch schon Materialbilder – und besonders auch Objekte aus verschiedenen Fundstücken und -materialien –, aber deren Bestandteile waren mehr additiv zu einander gesetzt, da war mit dem Material komponiert. Materialkompositionen wird man in den neueren Bildern umsonst suchen, ihre Konstituenten sind, obgleich trotz allem noch spürbar, jetzt wie eingesunken in eine den Klang beherrschende Einheitlichkeit. Dann kamen die ‚Weißen Bilder‘, Informelhafte Bilder, die das Schaffen von Herbert Schmidt jahrelang bestimmten, noch bis 2012, bis der Übergang zu den jetzigen Materialbildern erfolgte.

Nähern wir uns diesen Materialbildern noch weiter. Es sind im allgemeinen möglichst dünne Holzplatten als Träger benützt, die über Abstandshalter an die Wand kommen und so, nur von einer Schattenfuge eingefasst, frei vor der Wandfläche erscheinen; „das Bild ist an sich schon schwer genug, es soll nicht auch noch optisch schwer wirken“. Allen gemeinsam ist, dass mit Fundstücken gearbeitet wird, Fundstücke aus der Natur oder Reststücke aus dem Zivilisationsbetrieb, und die werden mit Bindern, Steinmehl usw., verschiedenen plastischen Massen und Pigmenten bearbeitet, übergearbeitet, oft in mehreren Lagen. „Man hat da eine Art von Ästhetik vor sich, die aber nicht entworfen oder konstruiert ist, sondern die irgendwie eher sich ergibt. Die sich ergeben hat im Arbeitsprozess. Ich versuche viel zu arbeiten und in einen Prozess hinein zu kommen und den ablaufen zu lassen. Und dann bei der Grobheit zu bleiben und nichts zu glätten und nichts fein zu machen, um so diesen Zustand zu behalten. Und dann einfach abbrechen und stehen lassen. Nicht noch etwas schön machen, glatt machen, denn sonst verliert es diese Qualität, dieses Entstandene, einfach so pur Dastehende!“
 

Diese Qualität, dieses so pur Dastehen ist dennoch kein Zufallsergebnis, sondern errungenes Arbeitsergebnis. Die Arbeit ist die im eigentlichen Sinne künstlerische. Gewiss, da spielt auch eine gewisse handwerkliche Fingerfertigkeit eine Rolle, Erfahrung, Materialkenntnis... Aber künstlerische Arbeit heißt auf empfindsamste Weise wach zu beobachten, was in jedem Augenblick geschieht, feinfühlig, überlegt und vorausschauend zu reagieren und doch stets der genannten Versuchung zu entgehen; zu handeln und doch zugleich sich wieder zurück zu halten. So dass am Ende die Kraft des Bildes womöglich ein Spiegel der Kraft der Zurückhaltung ist.

„Die ganze Bildfläche ist ein Ding, obwohl da z.B. ein Blechteil drin ist, ein Fremdkörper... Ich verwische die Übergänge, damit wir nicht hier Natur haben und hier Technik, sondern dass das wirklich am Ende alles miteinander verschmilzt und die Trennung eben aufgehoben ist.“ – „Da sind einzelne Sachen drin, die aber jetzt nicht mehr als einzelne wahrgenommen werden. Und an manchen Stellen sieht man noch was – undda kann man erahnen, was da alles reingewirtschaftet wurde. Aber was genau,weiß man nicht, das ist auch nicht wichtig; aber wichtig ist, dass man spürt, was da alles los ist!“ Das Bild als Ganzes nimmt Materialien mit dem ihnen innewohnenden Kreislauf der Dinge, ihrer Historie in sich auf, konkret einerseits und doch auch sublimierend, abstrahierend andererseits; das Einzelne geht, jedoch ohne zermahlen, zerstört zu werden, auf im Ganzen des Werks, das nicht nur mehr ist als die Summe der darin steckenden Teile, sondern das ein Stück völlig anderen Rechts ist als jene.

„Da hab ich eine eigene, besondere Technik – Ausdrucksweise – das ist schon was Eigenes, eine eigene Art.“ Bilder gibt es in Fluten, mittlerweile auch Materialbilder. Nicht so Bilder, die die verwendeten Materialstücke amalgamieren, und zwar nicht in ihrer Masse, sondern indem sie sie in ihrer Materialeigenschaft gewissermaßen abstrahieren, wie dies bei Herbert Schmidt geschieht. Genau dies, das kraftvoll schweigende, nachdrücklich nicht sich mitteilende Dastehen der Bildsprache mag dem Einen oder Anderen ungewohnt sein. Bei Anselm Kiefer zum Beispiel wissen wir unmittelbar, was als Fundstücke im Bild ist, anders würde der thematische Zusammenhang gar nicht vermittelt. Bei Antoni Tàpies heißt es dagegen, „ich wähle für meine Bilder immer Materialien, die für sich schon eine große Ausdruckskraft haben“; ‚für sich‘ – nicht unbedingt für irgend einen Symbolbezug! Oder blickt man auf Cy Twomblys Einkreisen des nie zu Haltenden, des lebendig Eindruckshaften, das vom Materialen fort zu den Triebkräften hinter der Bedeutung strebt, auch im Mittel des Schriftlichen immer nur streifend verweisend und selbst bei plastischen Arbeiten den Reiz im Flüchtigen suchend – so wird dort jeweils ein ganz anderer Ansatz dem Materialhaften gegenüber spürbar. Tàpies‘ Arbeitsweise steht unser Maler relativ nahe, gerade auf sie mag noch ein Licht fallen, wenn an Herbert Schmidts Bildern bewusst wird, dass hier – neben und unter der Farbe – Material noch präziser auf den Punkt seines abstrakten Vorhandenseins reduziert wird.

Dies ist ein bemerkenswerter Vorgang. Holz, Blech, Erdiges nicht dazu verwendet, inhaltliche Bezüge für eine Bildwirkung aufzubauen, sondern – jedenfalls in den Bildern der letzten ein, zwei Jahre – offensichtlich nur dazu eingesetzt, mit den verwendeten Fundstücken als solchen eine Atmosphäre des dinglich, materialhaft Gegebenen ins Bild zu bringen, und zwar in denkbar allgemeinster Weise. Wohl je differenziert, wie auch das Material der Welt unendlich differenziert ist. Doch die Materialität dessen, was da alles hineingewirtschaftet ist, wird allein verwendet, wie auch das Material der Farbe verwendet wird, es wird gewissermaßen mit auf der Palette gemischt, aufgetragen, geschichtet und vertrieben – nur dass anstelle von ‚Krappkarmin‘, ‚Ultramarinblau‘ oder ‚Chromoxidgrün feurig‘ nun ‚Metallisch rostig‘ oder (selten) ‚blank‘, ‚Kantholzig‘, ‚Seil zerfasert‘ treten und mit eingemalt werden.

Der Maler hebt damit nicht auf Farbwirkung ab – sie tritt in zurückhaltender Intensität allerdings noch hinzu – sondern auf etwas Entsprechendes auf der Ebene des Materialhaften. Eine Materialität, die eine Wirkungsbedeutung haben kann, wie sie in anderer Art eben die Farbe hat – Rot etwa Dynamik, Grün sprießendes Leben usw. So wie man abstrakt über Farbwirkung spricht, so müsste man hier sprechen über Wirkung des Materialen; jedoch nicht über die Wirkung des konkreten Dings, wie wir es aus dem Alltag kennen, sondern über jene, durchaus ebenfalls spürbare, sinnlich erfahrbare, seines allgemeinen Materialseins, seiner Dinglichkeit.

Geht man der Farbstimmung in diesen Bildern nach, so könnte man zu Eindrücken kommen, die in der Richtung etwa von ‚Waldboden‘ liegen, elastisch-solide, in seiner Kraft ruhend, etwas auch stimmungsmäßig Haptisches, wie Torf, nicht warm, aber durchaus wärmend. – Dies ist ein Versuch, den Emotionswert von Farbe in Worte zu bringen – Farben ‚lesen‘ wir mithilfe der Eindrucksfähigkeit unseres Inneren, Farbe ist Seelensprache. Das Erspüren von Materialien im Bild Herbert Schmidts – es findet freilich weitgehend nur übers Auge statt – ist ein vergleichbarer Vorgang auf eindeutig anderer Ebene, Materialsprache ist – nun ja, Körper-Sprache. Beim Wort ‚Körpersprache‘ stellt sich sogleich die Assoziation ‚Ballett‘, ‚Panto­mime‘ oder Ähnliches ein, worüber hier nicht zu sprechen ist – aber selbst dort ‚verstehen‘ wir die Ausdrucksformen, die uns gegenüber treten, indem wir sie im Sehen still in uns gewissermaßen imitieren, mit dem eigenen Körper nachformen. So ist die Erfahrung vor den Materialbildern von Herbert Schmidt eine solche, die auf die eigene Materialität, auf das eigene Im-Körper-Sein hinleitet; die Beobachtungen einleiten mag, die zu möglicherweise hochinteressanten Erfahrungen der eigenen „Verkörperung“ führen.